Die Suche nach dem X-Faktor und wie man Geister bekämpft

Eigentlich müssten Dinge, die Ihnen Angst verursachen, abstoßend wirken.
Doch das ist nicht immer der Fall. Warum suchen einige Menschen bewusst die Begegnung mit dem Übernatürlichen?
Das Unheimliche bot schon immer Kraft für Inspiration und Fantasie. Vielleicht erinnert uns die Angst an unsere Lebhaftigkeit. Könnte vielleicht sogar mehr dahinter stecken?
Dieser Artikel ist ein Bericht über meine Begegnung mit dem Unheimlichen.
Sie fällt unter dem Rahmen des SBAwards (Seppo Blog Award) 2016, besitz daher eine Struktur, die sich von meinen sonstigen Beiträgen unterscheidet.

(Achtung! Dieser Artikel besitzt Überlänge.)

REISEVORBEREITUNGEN:

Zuerst wollen wir uns die Frage stellen, wo man paranormale Wesen am besten aufspüren und betrachten kann. Dazu gehe ich auf die Orte ein, die einen hohen X-Faktor besitzen.

Das Bermudadreieck: das bekannte Fleckchen im atlantischen Ozean. Interessant ist dieser Ort, da es viele Theorien über das Verschwinden von Schiffen und Flugzeugen gibt.
Zimmer 1408: ein spukendes Zimmer. Es gibt ein über ein Dutzend Sichtungen, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Loch Ness: der berühmte See in Schottland. Seit Jahrhunderten wird über das sagenumwobene Seeungeheuer Nessie berichtet. Leider fehlt hier meiner Meinung nach der gewisse X-Faktor.
Der Krater von Derweze: Das Tor zur Unterwelt. Heimat der Balrogs und der gefürchteten Höllen-Cancans.
Phantasialand: ein zauberhafter Ort, voller Abenteuer und Unterhaltung. Vielleicht nicht der ideale Ort für meinen Feldversuch, aber definitiv Ihren Besuch wert*.
(Für Kinder unter 4 Jahren ist der Eintritt sogar kostenlos!)
Hogwarts: Dreiköpfige Hunde? Checked. Menschenfressende Riesenspinnen? Checked.
Copyright? – Nope.

Dies sind alles sehr faszinierende Orte, doch welcher Ort kann besser zum Suchen von paranormalen Wesen geeigneter sein, als Zimmer 1408? Die meisten Erfahrungen habe ich auf dem Gebiet der Geisterjagd, es könnte also kein sicheres Ziel geben.
Da diesem Zimmer bereits einige Todesfälle zugeschrieben worden sind, sind ordentliche Vorbereitungen das Wichtigste, um auch mein Leben zu garantieren. Ihnen würde ich einen Ort raten, mit dem Sie eher vertraut sind. Vielleicht Ihr Garten oder die Bio-Abteilung Ihres Supermarktes.


AUSRÜSTUNG:
Für den Kampf gegen die dunklen Mächte nehme ich folgende Gegenstände mit auf die Reise:

  1. Eine Duftkerze. Wie bereits aus den Sicherheitsmaßnahmen bekannt ist, stellt die Duftkerze eine mächtige Abwehr gegen böse Geister dar. Vor jeder Nacht stelle ich fest, dass diese auch schön nach Zitrusfrüchten duftet.
  2. Eine Tür dient zum Schutz vor paraweltlichen Geschöpfen. Um nicht aufzufallen – es wäre schon sehr merkwürdig wenn man eine normale Tür bei sich trägt, nehme ich die kleinere Version: eine Hundetür.
  3. Wichtig ist ein Vierzylindermotor, dessen zylindrische Eigenschaft mich vor größerem Unheil bewahrt. Alternativ kann ich auch einen normalen Zylinder tragen, doch dieser würde mich wie ein zweitklassigen Showbühnenmagier erscheinen lassen. Und das wollen Sie nicht sehen.
  4. Ein selbstgebastelter Volleyball-Schläger schützt mich vor physischen Gefahren, bei Auseinandersetzungen mit Landstreichern und Untoten. Das Gute bei diesen selbstgebastleten Volleyball-Schlägern: Sie gelten nicht als Waffe und können daher auch in Flugzeugen mitgenommen werden.
  5. Im Falle von Dimensionslöchern wird mir die Landkarte von Tasmanien behilflich sein. Statistisch ist Tasmanien direkt nach Pandaria und Draenor (und diese Karten habe ich gut im Kopf) der häufigste Ankunftsort nach unfreiwilligem LARPing.
  6. Ein Nasenhaartrimmer steht für meine eigenen Bedürfnisse bereit, ebenso einen H&M-Katalog, von dem ich gerne Gesichter ausschneide, und diese in meine Traumcollage klebe, wenn mir langweilig wird.
  7. Nicht zu vergessen: ein Kästchen mit einem Portrait. 

Mit diesen Dingen ausgerüstet, kann die Reise losgehen.
(Warnung! Der folgende Erfahrungsbericht könnte tatsächlich einige unheimliche oder verstörende Elemente enthalten. Ebenso wurden einige Details bearbeitet, der Großteil der Erzählung, hat sich jedoch genau so zugetragen.)


ERFAHRUNGSBERICHT: 

Nach paranormalen Aktivitäten zu suchen, war kein normales Hobby. Das zumindest, sagte mir der Persönlichkeitstest von Scientology, nachdem ich eine Mitgliedschaft für 45 US-Dollar erworben hatte.
Ich musste mich verhört haben, denn bevor ich überhaupt gesprochen hatte, sagte der stämmige Hotel-Manager: „Nein.“
Der hochgewachsene, afro-amerikanische Mann, der eine starke Ähnlichkeit zu Samuel L. Jackson hatte, strahlte eine Aura der Einschüchterung aus, die eventuell stark genug war, um Dominosteine umzuwerfen. Ich schüttelte verwirrt den Kopf. Konnte er etwa meine Gedanken lesen?
„Ich weiß weswegen Sie hier sind“, sprach er.
Im Dolphin’s gab es über 400 Räume in 15 Etagen. Es gab wohl eine Menge neugieriger Menschen, die sich bis nach 1408 verirrten.
„Sie sind nicht der erste Journalist, der die Phänomene in diesem Zimmer untersucht. Und bisher sind alle unschön umgekommen“, fuhr er fort. Dann schaute er abschätzig auf mich herunter, als würde er mein Gepäck abscannen.
„Aber Sie sind der erste, der eine Hundetür mit sich schleppt“, spottete er. Das sagte er aufgrund mangelnder Weltsicht-Kongruenz. Aber ich konnte ihm nicht böse sein.
Ich hatte von den mysteriösen Toden gehört. Insgesamt waren es acht, die es bis in das ‚Supernatural-Jounal‘ geschafft haben. Es waren spektakuläre Tode, jeder unheimlicher als der andere: der erste der Toten, war in seiner eigenen Hühnersuppe ertrunken und eine der Zimmermädchen ist beim Putzen an ihrer Nussallergie gestorben, obwohl es weit und breit keine Nüsse gab.
Seit dem letzten Tod, bei dem ein Mann umkam, als er seinen Finger in die Steckdose steckte, war der Raum nicht mehr für langer als zwei Sekunden besetzt worden.
„Machen Sie sich um mich keine Gedanken. Ich bin ein Experte auf dem Gebiet der paranormalen Phänomene.“ Ich reichte ihm einer meiner Visitenkarten.
„Und Sie sind sich sicher, dass Sie so etwas regeln können? Wir hatten bereits einen Geisterjäger hier.“
Auch dieser Tod war mir bekannt. Der Tote mit der Nummer 5, gestorben als er einen Penny vom Boden aufheben wollte und sich dabei den Kopf an der Kloschüssel stieß.
„Kein Geisterjäger. Betrachten Sie mich als einen Wissenschaftler.“
Der Mann war immer noch nicht überzeugt, allerdings nahm er aus einem Schließfach einen Messingschlüssel, in dem die Nummer 1408 eingraviert war.
„Ich hoffe Sie wissen was Sie tun. Ich habe wenig Lust morgen Ihre Einzelteile vom Asphalt zu wischen. Sie müssen nämlich wissen, dass dieses Zimmer das pure Böse ist. Nicht eine Person hat länger als eine Stunde in diesem Raum ausgehalten.“

Es war das einzige Zimmer im Hotel, welches noch kein elektronisches Schloss besaß. Nach dem Hotel-Manager nach, funktionierte nur wenig Elektronik, ich wurde gewarnt. Instinktiv klopfte ich an die Tür – eine Angewohnheit, die meiner Erziehung zu verdanken war, bis mir einfiel, dass das Zimmer sowieso leer sein müsste. Doch bevor ich auch nur den Schlüssel ins Schloss gesteckt hatte, klopfte es einmal zurück.
Ich stockte. Eine Gänsehaut breitete sich über meinen Armen aus, auch ein Kenner auf diesem Gebiet spürte es, wenn er es mit einer mächtigen Präsenz zu tun hatte. Ich zögerte erst, bis meine zitternde Hand ein zweites Mal den Schlüssel zum Schlüsselloch führte. Mit einem baufälligem Knattern wurde die Tür aufgeschlossen und gab Sicht auf den Raum frei, der völlig in Dunkelheit getaucht war. Links tastete ich die Wand nach dem Lichtschalter ab und mit einem Knips wurde der Raum in ein warmes Licht getaucht.
Das Zimmer war auf dem ersten Blick einwandfrei. Tapeten mit Blümchenmuster zierten die Wände, das Bett war sorgfältig gemacht und der breite Sessel in der Mitte des Raumes lud dazu ein, sich hier zu entspannen. Die Möbel waren staubfrei und gut platziert, der Raum bot eine wundervolle Sicht auf das Nachtleben der Straße. Man hätte fast vergessen können, dass hier acht Menschen zu Tode gekommen waren, wenn man nicht die Flecken auf dem Teppich sah, die verdächtig nach getrockenem Blut und Erdnussbutter aussahen. Ich erschrak ein zweites Mal, als die Tür hinter mir zufiel, es war an der Zeit meine Überlebenschancen zu erhöhen. Ich zündete eine der Duftkerzen an und diese flutete  sogleich den Raum mit einem wohltuenden Duft. Der Duft brachte mir einige Momente der Entspannung, bevor sich ein Klumpen in meinem Magen bildete, als ich die Nachricht auf der Wand bemerkte, die vorher noch nicht da gewesen war. „Eine Stunde.“ Ich fuhr mit meiner Hand darüber. Sie war mit einem scharfen Gegenstand in die Tapete geritzt worden. Gleichzeitig sprang der Wecker mit einem Klingeln direkt neben mir an – ich zuckte abermals zusammen und es zeigte sich auf dem grünen Display des Weckers ein Countdown von 60 Minuten, der langsam herunterlief. Meine Lebenszeit.
Ich brauchte keine Wünschelrute um zu wissen, dass es losging. Ob es das Werk von mehreren böswilligen Entitäten war, konnte ich nicht sagen. Zimmer 1408 erforderte weit mehr Aufmerksamkeit, als ich gedacht hatte. Das unheilvolle Gefühl wurde größer, ein zwar mir sehr vertrautes Gefühl, welches ich jedoch niemals in solcher Intensität erlebt hatte.
Die Anbringung verschiedener Pentagramme war der nächste logische Schritt. Es dauerte seine Zeit, denn meine Hände zitterten beim Anmalen der komplexen Schutzsymbole. Falls es Dämonen waren, die hier die Finger im Spiel hatten, müsste es sie abhalten können. Wollte ich tatsächlich eine Kontaktaufnahme mit mordlüsternen Geistern wagen? Die richtigen Hilfsmittel hatte ich dabei.
Anscheinend hatte die Aktivität abgenommen, ich wartete dennoch ab, was als nächstes passieren würde.
Es begann mit einem Windstoß aus der veralteten Klimaanlage. Ich reagierte zu langsam – es brachte die schützende Zitrusfrucht-Duftkerze zum Erlöschen. Hastig versuchte ich die Kerze mit meinem Feuerzeug anzuzünden, doch das Feuerzeug versagte. Dann begann es aus der Decke zu tropfen. Ein Tropfen nach dem anderen landete auf den Linien des Pentagramms, die mein Leben vor dem sicheren Tod bewahrten. Zumindest hatte ich wasserfesten Edding verwendet. Falls es sich nicht um die Ausgüsse eines alkoholischen Longdrinks handelte, würde der Edding standhalten – hoffentlich. Den Vierzylindermotor rammte ich in meiner Nähe in den Teppichboden, den Volleyballschläger hatte ich schlagbereit im Griff um unsichtbare Angreifer abzuwehren.
„Zeige dich“, befahl ich, ohne überhaupt zu wissen, womit ich es zu tun hatte.
Schritte kamen aus der Toilette, ein korpulenter Mann stürzte eilig heraus. Er brüllte und hielt die Hände schützend vor sein Gesicht.
„Wer sind Sie?!“, fragte ich und griff meinen Schläger noch fester. Doch dieser bemerkte mich gar nicht und taumelte schreiend durch den Raum, bis er zum Fenster ankam, das Fenster gewaltsam aufriss und sich hinaus in die Nacht stürzte. Eine Illusion? Ich blickte zu meinem einzigen Ausweg, der Tür und zeitgleich hörte man, wie sich das Schloß zudrehte. Der Plan zur Flucht war damit gestrichen. Ich musste dranbleiben, musste weiter Druck machen.
Diese Kreaturen gedeihten durch Furcht und Schrecken. Solange das Wasser noch nicht die Eddingverbindungen aufgelöst hatte, konnte ich durchaus Risiken wagen. Die Kerze zerschmetterte ich kurzerhand mit dem Schläger, die Wachsstückchen verteilte ich in einem Kreis um mich herum, wie kleine ungenießbare Landminen.
„Suenos marido vieron ama restos etc son ese mejico veneno“, rezitierte ich einen Vers auf henochischer Sprache, der den Geist unterwerfen sollte. Dazu holte ich das Kästchen mit dem Gemälde heraus. Um schreckliche Geister unschädlich zu machen, brauchte man eine Präsenz, die sogar den Geist an Bosheit überschatten musste. Portraits verstorbener Diktatoren waren in dieser Hinsicht erstaunlich nützlich. Ich hatte mich für dieses unheilvoll aufgeladenene Bild entschieden. Dann fuhr ich mit der mystischen Formel fort.
„¡Vamonos! Para otros usos de este término, véase méxico. El territorio mexicano tiene una superficie de el fantasma.“
Die Worte zeigten Wirkung, der Raum erbebte, wie ein lebendiges Wesen. Möbel bewegten sich hin und her, Splitter und Putz flogen um meinen Schutzkreis herum, die ich mit dem Volleyballschläger abwehrte und ein Sturzbach ergoß sich von der Decke über das Zimmer. Der kalte Schwall traf mich am Nacken und warf mich nach vorne. Knapp entging ich einem fliegenden Stuhlbein, ich rollte zurück in meinen Schutzkreis, stieß mir den Kopf am Zylinder. Der plötzlich eintretende Schmerz ließ mich aufschreien, doch ich hatte nicht viel Zeit, als bereits das nächste Stück Holz auf mich zuflog. Das Pentagramm schien standzuhalten, doch die Decke über meinem Kopf schien langsam durchzubrechen als würde sie aus durchweichtem Karton bestehen.
„¡Qué demonios…! Burro el kinder bueno!“
Ich schnappte mir die Hundetür und lief geduckt zum Ausgang, rammte mein gesamtes Gewicht gegen die Tür, doch diese gab kein Stückchen nach. Die nächsten fliegenden Gegenstände kamen auf mich zu – ein ganzer Spiegel raste heran, wie mordlüsterner Ochse, wie ein Güterzug, der zu explodieren drohte, falls er Geschwindigkeit verlieren würde. Ich stürzte mich auf den Boden, über mir knallte der Spiegel gegen die Wand und auf Haufen Scherben regnete auf mich herab. Mein Schläger rollte mir aus der Hand, wurde dann vom Sog des Sturms erfasst. Einige Meter vor mir begann nun das Bild des Diktators zu schweben, unberührt von allem was hier passierte. Ich musste es zerstören, doch ich konnte mich dem Zentrum des Gerümpelsturms nicht nähern. Ich schnappte mir meine Tasche, kämpfte mich die Wand entlang und schlüpfte dann mit einem Sprung hinein in die Toilette. Das Schloss funktionierte nicht und eine gewaltige Kraft stieß gegen die Tür. Ich stemmte mein Gewicht dagegen und suchte nach einer Hand nach einem brauchbaren Objekt. Die Landkarte von Tasmanien? Ich faltete sie mehrmals und stopfte sie wie ein Türstopper unter der Tür. Es musste mir nur ein wenig Zeit verschaffen – ich brauchte Hilfe.
Tatäschlich fiel mir in diesem Moment nur eine Person ein, die mir helfen konnte. Jemanden der so unerhört mächtig war, dass jedem das Blut in den Adern gefror, der diesem Wesen entgegenstand. Jemand, der Raum und Zeit überwinden konnten. Die Legende besagt er würde, wie durch Zauberkraft erscheinen, wenn man seinen Namen flüsterte. In einem Badezimmer eines billigen Hotels.
Ich flüsterte seinen Namen, wiederholte ihn, wie eine dunkle Beschwörungsformel, ein Echo, welches mit jeder Wiederholung etwas leiser wurde.
„Jonathan Frakes. Jonathan Frakes**.“

Jonathan Frakes
Er mag Zaubertricks und antiklimatische Bildanhänge.

Es wurde schlagartig totenstill. Die Kraft, die gegen die Tür drückte, ließ nach. Immer noch voller Adrenalin nahm ich Abstand, als ich die Tür einen Spalt öffnete. Der Raum war unbeschädigt, kein Wasser, keine Splitter – als hätte jemand fleißig den Raum aufgeräumt. In einem Anflug von Mut öffnete ich nun die Tür und trat hinaus in das unheilvolle Zimmer, auf dem Bett saß Jonathan Frakes und hielt das Bild des Diktators wie ein Neugeborenes in den Händen.
„Ich habe nicht gedacht, dass Sie tatsächlich existieren, Mr. Frakes“, hüstelte ich und er schaute auf. Seine stahlblauen Augen schienen direkt in meine Gedanken sehen zu können, doch er lächelte. Mit einem Schnippen sprang das Radio auf dem Nachttisch an und Musik ertönte, die aus einer Mystery-Serie stammen könnte.
„Wir leben in einer Welt in der Traum und Wirklichkeit nah beieinander liegen. In der Tatsachen oft wie Fantasiegebilde erscheinen, die wir uns nicht erklären können. Können Sie Lüge und Wahrheit unterscheiden? Dazu müssen Sie über Ihr Denken hinausgehen. Und Ihren Geist dem Unglaublichen öffnen“, sprach er mit solcher Ernsthaftigkeit, dass er meine eigene Denkweise in Frage stellte.
„Sie haben Zimmer 1408 gebannt“, stellte ich fest und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. „Sie haben mein Leben gerettet“, fügte ich an.
„Nein, die Wahrheit ist stets verborgen, Jim. Beachten Sie Ihre Leistung.“ Er hielt das Bild hoch und strich sanft über den Rahmen.
„Aber nein, das Zimmer war zerstört. Es wollte mich umbringen.“
Jonathan Frakes lachte herzhaft und richtete auf. Er ging um das Bett herum und öffnete das Fenster, sodass etwas frische Luft hereinkam. Dann drehte er sich zu mir, eine Spielkarte in der Hand, die eine Herz-Fünf zeigte.
„Haben Sie immer richtig gelegen? Konnten Sie die Wahrheit von der Lüge unterscheiden? Manchmal passieren auch Dinge von denen die Begriffe ‚wahr‘ und ‚gelogen‘ nicht gerecht werden. Sie sind für uns Menschen einfach unvorstellbar.“ Er drehte die Karte einmal um ihre Achse, und die Fünf verwandelte sich in eine Herz-Dame.
Wollte er etwa andeuten, dass das Zimmer 1408 nicht echt war? Eine Lüge? Oder wollte er mit seinen ominösen Sprüchen auf etwas anderes abzielen, das sich meiner Vorstellungskraft entzog?
Jonathan Frakes war die mysteriöseste Person, die jemals gelebt hatte. Ich war mir sicher, dass er Antworten auf das Leben parat hatte, die noch niemand erfahren hatte. Es war nun meine Chance.
„Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“, fragte ich ihn.
„Natürlich.“
„Was war das für eine Kreatur?“
„Zuerst möchte ich Ihnen etwas erklären: Wissen Sie was das hier ist? “
Er zeigte auf ein Objekt aus meiner Tasche.
„Das ist ein Nasenhaartrimmer“, sagte ich, unsicher worauf er hinaus wollte.
„Was macht einen Nasenhaartrimmer aus? Was ist die Essenz dieses Geräts?“
Ich überlegte kurz. Möglicherweise eine Fangfrage.
„Ein Nasenhaartrimmer ist zum Pflegen des Nasenhaars. Dieser besteht aus einem Anteil von Hartplastik und Metall“, antwortete ich und wusste gleich, dass es eine blöde Antwort war. Die Wahrheit war definitiv viel komplexer. Jonathan Frakes blätterte nun nebenbei in dem H&M-Katalog.
„Ich frage dich nun, Jim: Was tust du gerade beim Definieren eines Nasenhaartrimmers?“
Er ließ mir Zeit zum Nachdenken.
„Ich weiß nicht“, musste ich gestehen. Es war keine Schande, etwas nicht zu wissen. Immerhin war ich hier, um zu lernen.
„Du beschreibst. Und nicht nur das. Du verwendest Worte. Andere Worte um einen Nasenhaartrimmer zu beschreiben.“
Jetzt war ich völlig verwirrt. Ich ließ ihn trotzdem fortfahren.
„Doch was ist ein Nasenhaar? Oder was bedeutet Pflege? Um darauf eine Antwort zu finden, werden Sie ebenso -“
„beschreiben und auf Worte zurückgreifen“, antwortete ich. Er schaute vom Modekatalog auf und ein Lichtblitz leuchtete in seinen Augen auf.
„Es geht immer nur um die Wahrheit, um die Essenz der Wörter. Aber wir werden die inneliegende Wahrheit der Wörter niemals erreichen, solange wir uns dem Medium der Sprache bedienen. Statt uns der Wahrheit zu nähern, weichen wir aus – wir verwenden andere Begrifflichkeiten, um dessen Definitionen ebenfalls gestritten wird.“ Ich hatte keine andere Antwort von ihm erwartet. Dieses kurze Gespräch hatte bereits einen Großteil meiner stündlichen Gehirnkapazität eingenommen. Ob ich dies richtig verstanden hatte, wusste ich nicht. Und er fuhr fort.
„Wahrheit und Lüge sind keine Gegensätze. Hat sich diese Geschichte wirklich so zugetragen, oder handelt es sich dabei um die Fantasie eines Blogautoren?“ Dabei schaute er hinaus aus dem Fenster.
Langsam bereitete mir Jonathan Frakes Unbehagen. Er schien gar nicht mit mir zu reden.
„Entscheiden Sie für sich“, waren seine letzen Worte, als er sich mit einem Zwinkern in einer Wolke aus Nachtfaltern auflöste, zwei Spielkarten und das ausgefüllte Gewinnspielformular auf der letzten Seite von H&M zurückließ. Den Nasenhaartrimmer und mein Portmonee sah ich nie wieder.


*Dieser Artikel wurde ihnen gesponsort von Phantasialand.
**Es hätte auch jemand anderes sein können: Zur Auswahl standen unter anderem Nicholas Cage, Long Johnson und Claude Depussy.

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13 Gedanken zu “Die Suche nach dem X-Faktor und wie man Geister bekämpft

  1. Ich schmeiß mich weg 😀 Tolle Story! Für meine Ausrüstung sind zudem eine Jogginghose und ein Säckchen Salz unverzichtbar. Die Hose, falls ich in der ewigen Hölle lande und das Salz nicht, um einen Kreis gegen Dämonen zu streuen, sondern damit ich das fade Essen in der Hölle würzen kann 😉 Danke für den Tatsachenbericht Jimmy 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich war ehrlich gesagt noch nie in Phantasialand. Ich glaube es wird Zeit dem einen Besuch abzustatten, um mich selbst davon zu überzeugen.
      Die Geräte besitzen doch hoffentlich keine maximal Größe. Ich habe keine Lust meine Daten fälschen zu müssen – ich freue mich nämlich schon auf ‚den lustigen Papagei‘.

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