Rhetorik im Angesicht des Übernatürlichen

Sie kennen vielleicht das Gefühl. Sie stehen an der überfüllten Supermarktkasse, Ihr inzwischen dreißigjähriges Kind klagt über akuten Harndrang, Langeweile und die wirtschaftlichen Verhältnisse in Venezuela. Dann drängelt sich jemand zusätzlich in aller Dreistigkeit vor. Sie könnten platzen, könnten mit Gegenständen um sich werfen oder … Bevor wir uns der Lösung dieses Problems widmen, möchte ich Ihnen eine Frage stellen:

Was eint Albert Einstein, Max Planck, Niels Bohr und Marie Curie? Die Antwort ist offensichtlich.
Ganz richtig. Sie können alle sprechen. Auch Sie können es*.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie Sprache dazu nutzen können, um unvermeidbare Begegnungen abzuwenden und übernatürliche Begegnungen zu Ihrem Vorteil zu wenden.

Warnung: Betrachten Sie dies als kein Rhetorik-Seminar. Der Artikel verwandelt Sie nicht zu einem großen Redner. Sie könnten ebenfalls Probleme bekommen, wenn Sie dieses geheime Wissen auf menschliche Beziehungen anwenden. 
Das Sprechen ist eine komplexe Angelegenheit, dessen Erforschung weniger weit zurückliegt, als man glauben mag. Im Laufe dieses Beitrages werde ich auf verschiedene Strategien eingehen, die sich mit dem Umgang mit übernatürlichen Wesenheiten beschäftigen. Alle anderen Informationen über das Sprechen würden leider den Rahmen dieses Exkurses sprengen, daher gehe ich zum praktischen Teil über:

STRATEGIE 1:  Ausweichen

Ausweichen ist eine große Kunst, die kein bisschen Feingefühl benötigt – genau richtig nach einem anstrengenden Tag an der Supermarktkasse. Um die Konfrontation mit dunklen Mächten (oder nervigen Familienangehörigen) zu vermeiden, ist diese Strategie vom Vorteil.
Der schnellste Weg ist das Ignorieren, welches jedoch auch bei Beschwörungen von Geistern sehr verpönt ist.
Erfolgreicher ist stattdessen die geballte Nutzung umgekehrter Rhetorik.
Versuchen Sie alle Dinge zu kombinieren, die Sie langweilig finden. Es wird Ihnen Spaß machen, ihrem Gesprächspartner weniger.

Sie müssen spannende Gesprächsthemen dringend vermeiden, vor allem witzige Anekdoten Ihres letzten alkoholbedingten Absturzes, selbst wenn dieser Jahre zurückliegt. Der Rest hängt von der Zielgruppe ab.
Bewährt hat sich die Aneinanderreihung wissenschaftlicher Begriffe ohne inhaltlichen Zusammenhang [mittels subordinierenden/koordinierenden Konjunktionen bzw. vorfeldfähigen konjunktional Adverbien (spüren Sie es?)] oder die simple Kettenstrategie.
Bei der Kettenstrategie geht es um die fortwährende Aneinanderhängung desselben Themas und derselben Aussage. Bewährt haben sich Ketten wie „Geld, Geld, Geld“ oder „Fast and Furious 1, 2, 3, 4 […] 6, 7, 8 „. Spätestens jetzt haben Sie den hartnäckigsten Zuhörer eingeweicht. Alles wirkt abstoßend, solange Sie die Kette lang genug fortsetzen.

STRATEGIE 2: Konfrontieren

Außer gegen Alkoholismus ist normalerweise der Kampf angesagt. Konfrontieren Sie den Vordrängler, kontrollieren Sie das Gespräch.
Im Gegensatz zum Ausweichen ist Ihr neues Ziel das Verletzen anderer Gefühle in möglichst kurzer Zeit, mit möglichst präzisen Worten. Zeigen Sie Ihrem Gegenüber seine Fehler auf, in aller Ausführlichkeit, wenn möglich in der Öffentlichkeit. Von Lügen sollten Sie fernbleiben, ebenso von Metaphern, zimperlich sollten Sie trotzdem nicht sein.

Wichtig ist dabei das Timing. Zögern Sie nicht, überlegen Sie nicht lange und notieren Sie sich auf keinen Fall auf einen Zettel, was Sie sagen könnten, nur weil Ihnen zur Zeit keine gute Beleidigung einfällt. Dann müssen Sie rechtzeitig zurückrücken, ansonsten droht Ihnen die reale Gefahr brilliant gekontert zu werden.

STRATEGIE 3: Hinhalten

Diese Strategie sollten Sie verfolgen, wenn Sie selbst verwirrt sind und Ziel von Anmaßungen werden. Diese Strategie gibt Ihnen Zeit Ihre Strategie neu zu überdenken.

Es gibt einige Phrasen, die als Antwort für alles dienen können. Diese müssen Sie sich zunutze machen.
„Ja, ich weiß.“ kann eine effektive Antwort zu allen Aussagesätzen sein, selbst wenn Ihre Aussage womöglich nicht der Wahrheit entsprechen sollte.
Ebenso ist das ‚Parroting‘ eine sinnvolle Strategie um ein Gespräch endlos lange fortzusetzen. Dazu müssen Sie nicht viel sagen, außer die letzten Worte des Gegenübers zu wiederholen und dies als Frage.

Beispiel:
„Heute ist so ein furchtbarer Tag.“
    „Furchtbarer Tag?“
„Ja, ich habe das Foto meines Exfreundes auf Facebook versehentlich geliked.“
    „Versehentlich?“
„Ja, omg. Ich habe Kaffee über meine Tastatur verschüttet.“ 
    „Omg. Über die Tastatur verschüttet?“ 
„Ja, das Baby hat wieder gestresst. Und ich musste noch meine Mathehausaufgaben machen.“
    „Mathehausaufgaben?“

Sie verstehen, wie das weiterläuft.
Sinnvoll ist diese Strategie, weil Sie nicht einmal zuhören müssen, um die Sympathie des anderen gewinnen können. Wenn Sie irgendwann keine Lust mehr haben, können Sie auf Strategie 1 oder 2 wechseln.

Obwohl diese Strategien allesamt sehr hilfreich sind, gibt es vor allem im Umgang mit unzivilisierten Kreaturen, wie Dämonen oder dem Geist der bösen Schwiegermutter bessere Alternativen, wie die Vermeidung, bevor es überhaupt zum Gespräch kommt. Da diese Wesen in der Regel auch körperlich Überlegen sind, sollten Sie niemals in den Nahkampf gehen, egal, wie sehr sie jemand reizt.

 

 

*“One cannot not communicate“ – Gregory Bateson

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9 Gedanken zu “Rhetorik im Angesicht des Übernatürlichen

  1. Danke für diesen äußerst wissenswerten und sachlich fundierten Bildungs- Beitrag und liebe Grüße von der Fee, die als übernatürliches Elementarwesen Deine Beiträge selbstredend verkonsumieren muss, allein schon der Bildung wegen. Ich bevorzuge übrigens Variante 1, kombiniere diese jedoch gern mal mit Variante 2 und entfleuche dann schleunigst durch den transzendentalen Raum. Nur Fliegen ist schöner. Mit Variante drei kann ich nichts anfangen. Wer nachfragt, nötigt das Gegenüber zu weiteren Ausführungen. Die Frage ist: Will man das wirklich???
    Dämonischen dunklen Energien kann man prima Sport entgegensetzen. Das könnte eine mögliche ergänzende Variante 4 sein. Kilometerlange Wanderungen zum Beispiel. Immer schön bergauf. Ein atemloser Dämon bringt keinen Pieps mehr heraus. Voraussetzung ist natürlich die eigene Fitness, die mentale Fitness ist ja auch bei Variante 2 wünschenswert. Bei sportlich ambitionierten Dämonen ist diese Taktik übrinx wie bei Variante 2 nicht zu empfehlen. Im Zweifels- Fall empfehle ich also stets Variante 1.

    Liebe Grüße von der Karfunkelfee

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  2. Leider verfüge ich nicht über die Fähigkeit meiner Frau den „tödlichen Blick“ zu schleudern, denn bei ihr hat sich noch nie jemand vorgedrängelt. Bei mir hingegen, als Liebmensch, ist so mancher Platz in der Schlange verloren gegangen. Alle ausnahmslos an ältere Mitbürger, vorzugsweise Omis, die einfach so taten als hätten sie mich nicht gesehen, nicht gehört und wo wir schon mal dabei sind, sagen tun sie in der Regel auch nix. Nach deinem vorzüglichen Bericht schwant mir jedoch allmählich, dass das keine Omis waren, sondern ausgekochte Dämonen im Großmutterkostüm. Ich gehe jetzt in mich und denke über meine Schlangentaktik der letzten 20 Jahre nach. Gute Nacht allerseits :-/

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    1. Ich klink mich noch mal ein:
      Lieber Arno, ich kenne solche Männer wie Dich an der Käsetheke. Ich möchte sie immer gern nach vorne schieben und auf sie aufmerksam machen, weil sie so bemerkenswert viel Geduld besitzen, obwohl sie sichtlich leiden. Rolatoren und Krücken hinter Einkausfswagen verstecken macht man ja nich…🙊…also das können wir ausschließen,
      leider…😈
      Aaaaber…alte Damen mit vieeel Zeit (und Kleingeld!) reagieren sensibel auf Männer unter Zeitdruck mit tollen Manieren. Manchmal jedenfalls…Der geht (fast)immer:
      Meine Mutter (Großmutter) wartet draußen im Taxi, die Uhr läuft! Ich muss ihr doch ihren Käse kaufen, sonst kann sie meine Tochter nicht verpflegen, die mit Fieber zu Hause liegt! Außerdem hat sie Osteoporose und braucht dringend ihr Kalzium! Und ich muss ins Meeting! Weil ich sie nämlich alle versorge!!! Strategisches Schweigen, ernster Blick…
      Liebe werte Damen, bitte haben Sie doch Verständnis!
      Jetzt kommt’s:
      Es ist für meine lieben Menschen und einen guten Zweck!!!
      Versuch mal….das funzt garantiert…✨

      Gefällt 2 Personen

      1. Eigentlich sollte ich mich da kaum beschweren können. Werde sogar ziemlich oft von älteren Damen vorbeigelassen, sofern es nur wenige Dinge sind, die ich besorgen muss. Dabei geht die Initiative nicht einmal von mir aus 🙂
        Die Menschheit ist gut. Zumindest in meinem Supermarkt.

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      2. Oh, das würde sicher helfen, aber ich würde nicht lügen wollen um eines Platzes Willen. Niemand weiß wie viel Zeit ihm bleibt, aber eine alte Dame hat in der Regel weniger als ich, deshalb bin ich dazu übergegangen Menschen vor zu lassen die nur ein paar Dinge in der Hand halten, denn ich kaufe höchstens einmal in der Woche ein. Vorlassen macht die Menschen extrem glücklich und dankbar und hilft vielleicht für den ganzen Tag und mich kostet es nur ein paar Minuten, nur mit dem Wagen in meine Hacken fahren finde ich nicht okay und zeugt von einer rüden Einstellung zum Leben. Danke für den guten Tipp liebe funkelnde Fee und einen magischen Sonntag für dich 🙂

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      3. Ich wusste es, dass Du so antwortest.
        Denn nur ungeduldigere Menschen machen sich auf solche Weise bemerkbar und leider kommen sie in unserer Welt mit ihren Lügen allzu weit. In unserem Supermarkt ist die Welt zumindest hier bei uns noch in Ordnung und wenn einer alten Dame beim Bäcker mal 5 Cent an Kleingeld fehlen, sucht halt jeder mit bei sich selbst und steuert etwas bei und beim Tüteneinpacken wird auch geholfen. Es geht dort noch sehr menschlich zu, auch Wenigeinkäufer via Reissverschlussverfahren bei einem Einkaufswagen-Stehmarathon zwischenzufädeln beherrschen dort noch mehr Leute als nur mal zufällig einer. Das fällt mir auf, wenn ich an anonyme Supereinkaufstempel denke, wo das Zwischenmenschliche auf der Strecke bleibt, Weil nämlich die anderen Menschen vergessen, dass sie selbst irgendwann einmal Omas oder Opas sind…

        Nein lieber Arno, es war mir ein Spaß, genau wie dieser ganze schönschräge übernatürliche Beitrag hier.
        Liebe Sonntagsgrüße zu Dir und natürlich dem Gastgeber dieses Blogs✨

        Gefällt 3 Personen

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